Zum Buch:
Klaus Küpper (Bücher zu Lateinamerika)
Was ist das denn für ein Mensch, werden sich die Leserinnen und Leser fragen, wenn sie den scheinbar etwas vertrottelten Helden dieser Geschichte, den stellvertretenden Bezirksstaatsanwalt Félix Chacaltana Saldívar durch diverse Andenorte stolpernd erleben. Chacaltana ist seit einem Jahr in Ayachucho und ermittelt zum ersten Mal in einem Mordfall. Bisher war in diesen Fällen die Militärjustiz zuständig und an ihn gingen nur Prügeleien oder Vergewaltigungen. Chacaltana deutet dies als eine zunehmende Normalisierung 20 Jahre nach der Zerschlagung des Sendero luminoso. Sein Verhältnis zu den örtlichen Polizeidienststellen weist allerdings in eine andere Richtung. Die aufopferungsvollen, allerdings auch pedantischen Aktivitäten des Staatsanwalts im Sinne der Gerechtigkeit stoßen hier auf völliges Unverständnis, das sich noch steigert als Chacaltana hinter dem grausamen Mord die Aktivitäten des Leuchtenden Pfads vermutet (Chacaltana, sind Sie eine Streber oder ein Idiot?). Niemand ist an der Aufklärung des Verbrechens interessiert. Bei diesen und ähnlichen, fast täglichen Begegnungen mit dem Geheimdienst und den Militär- und Polizeibehörden, flieht unser Held in seine Wohnung, wo er im rekonstruierten Zimmer der bei einem Brand umgekommenen Mutter Trost sucht. Chacaltana fühlte sich dumm und linkisch, unfähig als Ermittler. Lieber hätte er seine Zeit mit der Lektüre von Gedichten des peruanischen Dichters Chocano verbracht. Ein Lichtblick in dieser fast kafkaesken Umgebung ist die Kellnerin Edith, mit der Chacaltana sich anfreundet. Doch dem ersten Mord folgen weitere, mit allen Opfern hatte der Staatsanwalt vorher Kontakt und alle weisen die gleichen Merkmale auf: die Körper sind grausam zugerichtet und zerstückelt. Die Ermittlungen des zunnehmend verunsicherten Chacaltana aber werden weiterhin behindert, sei es durch das Schweigen der ortsansässigen Bewohner, die plötzlich kein Spanisch mehr verstehen oder die Behinderungen durch die Behörden. Die Ereignisse dieser düsteren Geschichte steigern sich während der Umzüge in der Karwoche zu einem furiosen, blutigen Finale und zur schließlichen Aufklärung der Verbrechen, mit einem überraschendes Ende, das hier nicht verraten wird. Roncaglio, der uns schon aus dem Roman Vorsicht (Pudor) bekannt ist (s. Besprechung) erzählt eine spannende und gleichzeitig beklemmende und mit vielen satirischen Episoden angereicherte Geschichte. Er verwendete dabei, so sagt er in seiner Nachbemerkung, historische Tatsachen und Methoden sowie die Propaganda und die Dialoge des Sendero luminoso und die Gegenstrategien des Militär und der Polizei, die er während seiner Arbeit bei der Defensoría del Pueblo gesammelt hatte. Und so wird dieser Kriminalroman auch zum Abbild einer peruanischen Gesellschaft, die immer noch von ihrer brutalen Vergangenheit eingeholt wird. Ich denke, Peru geht es wie jedem Land nach einem Krieg. Eine Zeitlang wurde die Vergangenheit totgeschwiegen. Aber inzwischen beginnen wir, die wir damals Kinder waren und keiner der beiden Extreme verdächtigt werden können, über das Thema zu schreiben … Es ist wichtig, ein historisches Gedächnis zu schaffen, denn es ist kaum bekannt, was eigentlich geschah. In Peru starben so viele Menschen wie in Chile, Argentinien und Uruguay zusammen … (Santiago Roncagliolo im Gespräch mit Angelica Ammar). Ein Thriller, ausgezeichnet mit dem Alfaguara-Preis, der die Leserinnen und Leser bis zur letzten Seite nicht mehr losläßt. Klaus Küpper (Bücher zu Lateinamerika)