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Bücher zu Lateinamerika

Autor
Sarmiento, Domingo Faustino

Barbarei und Zivilisation (Facundo o Civilización y Barbarie)

Untertitel
Das Leben des Facundo Quiroga. Übertragen u. kommentiert v. Berthold Zilly
Beschreibung
Verlag
Frankfurt/M.: Eichborn, 2007
Format
geb.
Seiten
454 Seiten
ISBN/EAN
978-3-8218-4580-7
Preis
32,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Domingo Faustino Sarmiento wurde am 15. Februar 1811 in San Juan, Argentinien geboren. Vor dem Caudillo Facundo Quiroga floh er 1831 nach Chile wo er in verschiedenen Berufen seinen Lebensunterhalt verdiente. Zurückgekehrt, gründete er eine liberale Zeitung, die bald verboten wurde. 1840 wurde er verhaftet und nach Chile abgeschoben. Hier entfaltete er einer wirksame publizistische Tätigkeit als heftiger Gegner des argentinischen Diktators Rosas, der vergeblich seine Auslieferung verlangte. Von 1845 bis 1848 bereist er Europa, Nordafrika und Nordamerika. Es folgte ein erneutes Exil in Chile. Nach seiner Rückkehr wird er nacheinander Gouverneur seiner Heimatprovinz, Botschafter in den USA und 1868 bis 1874 Präsident Argentiniens. Aus allen seinen Werken ragt der hier vorgestellte, erstmals vollständig auf Deutsch vorliegende Romanessay („gegen das Haupt des Tyrannen geschleuderte Felsbrocken“, so seine eigene Charakterisierung) hervor. Sarmiento starb am 11. September 1888 in Asunción. “Sarmiento war gewiß ein Machtmensch, aber er war auch ein Poet“ sagt Berthold Zilly und, wie Borges schrieb, „ein Zeuge und ein Träumer.“

Zum Buch:

Am 25. Mai 1810 wurde in Buenos Aires der spanische Vizekönig abgesetzt und alle spanischen Funktionsträger ihrer Ämter enthoben. Dieses Datum gilt heute als der Beginn der Unabhängigkeit Argentiniens. Zunächst betraf die Ablösung des kolonialen Status’ freilich nur den La-Plata-Raum; die Provinzen im Norden blieben royalistisch – Patagonien war noch eine terra incognita. Später gingen die nördlichsten Provinzen wieder an Peru verloren und Paraguay erklärte seine Unabhängigkeit. Die folgenden Jahre waren gekennzeichnet von separatistischen Bewegungen und einseitigen Unabhängigkeitserklärungen einzelnen Provinzen sowie blutigen Bürgerkriegen, Kämpfen gegen die spanischen Kolonialtruppen und gegen Brasilien. Einer dieser Provinzcaudillos war der mächtige Facundo Quiroga, der „Tiger der Pampa“, dessen Rolle im Bürgerkrieg bis zu seiner Ermordung 1835 Gegenstand der 1845 in Chile geschriebenen politischen Streitschrift ist. Sie ist ein leidenschaftliches Plädoyer gegen die Diktatur Rosas, der das Land noch bis 1852 regierte. Die Kampfschrift, die sich einer eindeutigen Kategorisierung etwa als philosophischer Essay, Roman, Romanessay oder Landeskunde entzieht hat bis heute, über 150 Jahre nach der ersten Veröffentlichung, nichts von ihrer Faszination eingebüßt. Das er weit mehr ist als die Geschichte eines brutalen Caudillos zeigen Titel und einer der Untertitel: Barbarei und Zivilisation. Lebens des Juan Facundo Quiroga und physische Ansicht, Bräuche und Sitten der Argentinischen Republik. Die argentinische Landschaft, die sehr unterschiedliche Bevölkerung und die gespaltene Gesellschaft Argentiniens sind für Sarmiento die Basis und die Erklärung für den Antagonismus zwischen Zivilisation und Barbarei. Für ihn war und ist es ein Kampf zwischen dem fortschrittlichen, aufgeklärten Bürgertum der Städte und den halbwilden Gauchos im Innern des riesigen Landes, das von den Eroberungen Rosas inzwischen weiter nach Süden erweitert worden war. Die diktatorische Schreckensherrschaft Rosas ist in den Augen Sarmientos das Hindernis für die Entwicklung Argentiniens zu einem modernen Staat, den er sich von europäisch gesinnten Bürgern, der Rückkehr der von Rosas vertriebenen Landsleute und künftigen Einwanderen aus Europa vorstellt.  Der Übersetzer Berthold Zilly weist in seinem Nachwort auf die vielen Ungereimtheiten hin, auf sprachliche und argumentatative Eigenheiten, auf mangelhafte Sorgfalt bei Wortwahl und Gedankenführung, die teilweise schon Zeitgenossen Sarmientos aufgefallen waren, die aber dennoch der bis heute fortdauernden Bedeutung der Schrift keinen Abbruch taten. Sie sind der Wut auf die Zustände in der Heimat, der „heißen Feder“ geschuldet – kurz, es ist eine Schrift, die mehr an ein Pamphlet oder eine leidenschaftlich vorgetragene Rede erinnert. Das Buch wurde schnell zur Ikone des Freiheitsgeistes in Lateinamerika und rasch ins Englische, Französische und Italienische übersetzt (auf Deutsch erschien eine unvollständige, nicht als solche gekennzeichnete Übersetzung 1911 im Argentinischen Tageblatt in Buenos Aires). Die perfekte Übertragung von Berthold Zilly verdient höchstes Lob. Sein umfassendes Nachwort informiert über die historischen Hintergründe der Zeit, über die Schwierigkeiten des Übersetzens, die  bis heute andauernde Aktualität der Schrift u. a. m. Beigegeben sind außerdem ein ausführlicher Anmerkungsapparat, eine Zeittafel, Namen- und Sachregister, einige Photos und ein weiterführendes Literaturverzeichnis. Eine perfekte Edition! Klaus Küpper (Bücher zu Lateinamerika)